Goliath und die wunderbare Brotvermehrung

Zwei Geschichten in der Bibel, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben:
Zum einen die legendäre Heldengeschichte des Hirtenjungen David, der allein mit Gottvertrauen und einer Steinschleuder einen schwer bewaffneten riesengroßen feindlichen Soldaten besiegt; zum anderen die Wundererzählung von der Speisung einer riesigen Volksmenge mit nur fünf Broten und zwei Fischen.
Seltsamerweise habe ich aber in beiden so verschiedenartigen Geschichten ein und denselben Appell für mich entdeckt. Der wurde erst so richtig sichtbar, als ich mal den Blick von dem Wundersamen des Geschehens weg gelenkt habe und den Fokus auf die jeweilige Vorgeschichte gerichtet habe:

Bei David sieht das so aus:
Im Heerlager Israels herrscht eine katastrophale Stimmung. Seit dem Auftritt und der Herausforderung des Philisters Goliath zum Zweikampf gegen einen Soldaten Israels, der mutig genug ist, es mit ihm aufzunehmen, ist das Heer lahmgelegt. Angst breitet sich aus, und das ist für die bevorstehende Schlacht mit den Philistern natürlich verheerend.
Da tritt David auf den Plan, und er ist derjenige, der die Soldaten endlich aus ihrer Schockstarre erlöst, indem er Verantwortung übernimmt. In einer Lage, in der es sonst niemand tun wollte. Er begibt sich in diese prekäre Situation, der sich niemand sonst freiwillig aussetzen wollte. Als es nicht ausreichte, Seite an Seite mit den vielen Kameraden, im Schutz der Menge, stark zu sein, sondern als ein Einzelner gefragt war, der stellvertretend für das ganze Heer und das ganze Volk auftreten sollte… als niemand mehr zuständig war und auch der König Saul niemanden zwingen konnte… dies war nur freiwillig möglich… David war kein Soldat, er hätte mit Fug und Recht sagen können, das gehe ihn gar nichts an, und es sei nicht seine Aufgabe, diese Rolle zu übernehmen.

Und nun zu den Jüngern von Jesus:
Eine große Volksmenge hatte sich tagsüber um Jesus versammelt; es wurde Abend, und die Leute bekamen langsam Hunger. Ganz pragmatisch und der Situation angemessen forderten die Jünger Jesus auf, die Leute zu entlassen, damit jeder noch die Gelegenheit wahrnehmen konnte, sich in den umliegenden Dörfern eine Mahlzeit zu organisieren.
Überraschenderweise entgegnet Jesus ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen!
Darauf waren die Jünger ganz und gar nicht eingestellt, jetzt sollten sie plötzlich ganz unvorbereitet den Catering-Service für eine Unmenge von Leuten übernehmen. Wieder ist der überraschende Punkt, der Wendepunkt der Geschichte, das unerwartete Übernehmen von Verantwortung.

Und das ist für mich irgendwie auch der springende Punkt in diesen Texten, mehr noch als der Aspekt des Wunderbaren und scheinbar Unmöglichen, das sowieso kein Mensch in der Hand hat.

Man könnte sagen, der Sieg Davids über Goliath oder auch das Sattwerden der großen Menge ist die Antwort Gottes auf einen Glaubensschritt von Menschen. Vielleicht ist das auch gar nicht so falsch, aber ich sehe bereits im Handeln von David bzw. von den Jüngern eine Antwort auf die aktuelle Lage, nämlich in der Ver-Antwort-ung, die sie jeweils übernehmen.
Die David-Geschichte sollte vielleicht zeigen, wie fähig und geeignet dieser Mann gewesen ist, um später König von Israel zu werden. Die Jünger-Geschichte diente vielleicht zur Bestätigung der Apostel, Verantwortung für die jungen Gemeinden zu übernehmen.
Und der Anspruch, der sich an mich stellt (und vielleicht auch an den geneigten Leser), bezieht sich auf unsere Gesellschaft, Umgebung, Nachbarschaft, Familie, …
Ich sage aus eigener Erfahrung: Als Christen aus frommen Kreisen überlassen wir gerne die säkulare Welt sich selbst. Wir fühlen uns nicht als Verursacher dieser oder jener Probleme, wir haben nichts damit zu tun und sind es nicht gewohnt, Verantwortung für andere zu übernehmen.
Ich verstehe im Appell dieser Geschichten eine zwanglose Einladung, sich nicht überall herauszuhalten, sich selbst als Teil der Gesellschaft zu verstehen, mit allen Licht- und Schattenseiten, mit allen unseligen verzwickten und unschönen Problemen. Wir handeln im Sinne Gottes und an seiner Seite, wenn wir es wagen, aus der Zuschauerperspektive in die Rolle von Akteuren zu wechseln. Wenigstens in manchen Dingen.

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Leichtes Gepäck

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Eines Tages fällt dir auf, dass du 99% nicht brauchst.
Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg,
denn es reist sich leichter mit leichtem Gepäck.

Der Song von Silbermond spricht mir aus der Seele.
Aus Platzgründen musste ich meinen Bücherbestand und meine Garderobe auf ein gegebenes Maß reduzieren, das Zimmer ist einfach nicht besonders groß. Und siehe da – es hat sogar Spaß gemacht. Zu prüfen und festzustellen, was man wirklich braucht, relativiert die Bedeutung des materiellen Besitzes. Auch der Songtext geht über das Abspecken von Klamotten und anderen Konsumgütern hinaus und ermutigt mit kraftvollen Ausdrücken zum Loslassen von seelischem Ballast.
Was bleibt übrig? – habe ich mich gefragt.
Woraus besteht mein leichtes nicht-materielles Gepäck?
Was will ich unbedingt immer bei mir haben?
Zuerst setze ich meinen Glauben auf die Liste. Damit meine ich nicht nur meine religiöse Einstellung, sondern ein Grundvertrauen in Gott und – wenn auch begrenzt – in Menschen. Selbst in katastrophalen Umständen möchte ich mit Gottes Dabei-Sein rechnen und Mitmenschen vertrauen können…
Dann kommt die Liebe. In jedem Menschen etwas erkennen, das uns zu Brüdern und Schwestern macht. Bei allem Selbsterhaltungstrieb eine unerschütterliche Reserve an Menschlichkeit, Mitleid und Nächstenliebe behalten.
Und schließlich ein dreistes Festhalten an Erwartungen, die nicht aufgeben lassen, eine trotzige Absage an die Resignation. Das nennt man wohl Hoffnung.
Und ohne ein fromme Antwort gesucht zu haben, stelle ich fest, dass ich bei der mächtigen Trias von Glaube, Liebe und Hoffnung gelandet bin, die von Paulus im ersten Korintherbrief präsentiert wird. Wobei der Apostel die Liebe als das Größte bezeichnet…

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Christ sein von Hans Küng

Christ sein Hans Küng

In meinem alten Blog schrieb ich zur Lektüre des o.g. Werkes eine Reihe von Einträgen, in denen ich Inhalte, die mich besonders ansprachen, wiedergab und zum Teil kommentierte.
Beim erneuten Durchlesen stelle ich fest, dass ich heute manches schon wieder etwas anders sehen und beurteilen würde als damals, 2013…

Wer einen Eindruck vom sehr umfangreichen Buch auf 12 Seiten haben möchte und sich durch die persönliche Note des Textes nicht gestört fühlt, ist herzlich zum Lesen eingeladen, ich stelle die Sammlung als PDF hier zur Verfügung.

Christ sein, Hans Küng

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Glauben

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Einer der Pfosten                                                                 der andere dagegen
Kritisches Nachfragen                                                        wird nicht vermessen
Notwendiges Prüfen                                                            ist nicht Gegenstand
Belastbarkeit muss                                                              einer Betrachtung
getestet werden                                                                    ist einfach da
Ermessensfragen                                                                  Es geht um Vertrauen
werden gestellt                                                                      Annehmen
Rationale Redlichkeit                                                          sich geliebt und
muss gewahrt werden                                                         verbunden wissen
Es geht um Berechtigung                                                   Argumente
von Glaubenssätzen                                                             sind nicht notwendig

     So wird das Turnen an der Reckstange zu einer fröhlichen Übung.

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Gott begegnen

Folgt man Martin Buber in seinem „Ich und Du“, so muss man die „Es-Welt“ von der „Du-Welt“ unterscheiden. Die eine kann man erfahren und beschreiben, die andere erlebt man als Beziehung. Wenn es um das Ich geht, geht es nach Buber immer auch um das Es oder um das Du, es gibt kein isoliertes Ich; entweder Ich-Es oder Ich-Du.

Das ganze Wesen des Menschen ist betroffen, wenn es um das Du-Sagen, wenn es um  Beziehung geht (nicht so in der Es-Welt). Und darunter ist mehr zu verstehen als das Wahrnehmen von Emotionen, alles Beschreiben und Objektivieren hört im tiefsten Erleben von Beziehung auf.

Auf diese Fährte setzt Buber seinen Leser, um ihn gedanklich zum „ewigen Du“, zu Gott zu führen: „Die verlängerten Linien der Beziehungen schneiden sich im ewigen Du.“ In dieser Begegnung „geschieht etwas am Menschen“. „Der Mensch empfängt, und er empfängt nicht einen „Inhalt“, sondern eine Gegenwart, eine Gegenwart als eine Kraft.“ Deshalb, so Buber, heißt Gott nahe zu kommen nicht, die Erkenntnis über ihn zu mehren oder seine Geheimnishaftigkeit zu mindern, ihn zu enträtseln oder zu entschleiern, denn das ewige Du kann seinem Wesen nach nicht zum Es werden. Gott entzieht sich aller Es-Rede.

Dabei geht es, wenn ich Buber richtig verstehe, nicht um ein mystisches Erlebnis, sondern um eine Art Erkennen im Sinne von Beziehung, die im Gegenüber zur Welt und zu Menschen realisiert und sozusagen in Richtung des ewigen Du verlängert werden kann.

Ich frage mich, ob eine Beziehung zu Gott in der Tat nur über und durch die Beziehung zu Menschen (und Welt) hindurch möglich ist. Und ob nicht diese Beziehung in der Weise wächst, wie die Beziehung zum Mitmenschen wächst. Gott im Mitmenschen zu begegnen wäre dann mehr als ein frommer, abstrakter Wunsch, es wäre eine echte Begegnung, denn wie soll Gott sonst ein Gegenüber werden, wenn nicht in menschlicher Gegenwart? Schauen wir nicht in das Spiegelbild Gottes, wenn wir einem Menschen in einer Weise begegnen, die alles Urteilen, alles In-Worte-fassen hinter sich lässt und nur das Gegenüber gegenwärtig sein lässt? Begegnen wir Gott einfach im Seienden und im Sein selbst?

Ich bleibe weiter auf der Suche.

 

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Mit Gott von Du zu Du?

Schalom Ben-Chorin erzählte folgende Geschichte über Martin Buber:

Buber lebte in Berlin, als eines Tages ein christlicher Pfarrer zu Besuch kam. Er sagt zu Buber: „Ein großer Krieg steht vor der Türe. Ich habe es aus dem Buch Daniel in der Bibel herausgelesen. Zweifeln Sie an der Bibel als Gottes Wort? Sie glauben doch an Gott.“ Buber antwortet: „Wenn an Gott glauben bedeutet, von ihm in der dritten Person reden zu können, dann glaube ich nicht an Gott. Wenn an Gott glauben bedeutet, zu ihm, mit ihm reden zu können, von Du zu Du, dann glaube ich an Gott. Ein Gott, der einen Krieg will oder gar vorausbestimmt, ist nicht mein Gott. Deshalb kann ich auch die Bibel nicht einfach wörtlich verstehen. Ich muss immer wieder neu nachfragen: Was kann, was will diese Geschichte mir sagen? Das Wort ‚Gott‘ ist leider oft missbraucht worden. Nur wenn ich ‚Du, mein Gott‘ sage, überzeugt, dass er mich hört und erhört, dann bin ich Gott ganz nahe und ist Gott mir ganz nahe.“
(Das Kursbuch Religion 2, 2007, S.217)

Was mir an Martin Bubers Antwort gefällt:
Einerseits die Vorsicht und Bescheidenheit – was können wir mit menschlichen Worten und Gedanken in der dritten Person über Gott schon sagen? Und macht das, was wir meinen, über Gott sagen zu können, auch den Glauben an ihn aus?
Andererseits das mutige Vertrauen, Gott als ein DU zu erfahren… Das klingt gut und irgendwie auch einleuchtend… Ich denke an Hiob, wie er an seine Grenzen stößt beim Versuch, irgendeine plausible Erklärung für sein Leid zu finden… und dann von Gott eine Antwort bekommt. Eine Antwort, die für einen außenstehenden Dritten gar nicht so erleuchtend ist…. aber für Hiob ist die Begegnung, die Anrede von Gott her Antwort genug…

Nur – die Frage, die sich mir stellt: Braucht es ein mystisches Erlebnis, um Gott als Du zu erfahren? Oder was genau meint Buber damit? Ich werde mich mal auf die Suche machen und Bubers Werk „Ich und Du“ lesen…

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Weltreichweitenvergrößerung

Dieser Begriff stammt nicht von mir, ich habe ihn vom Soziologen Hartmut Rosa, gelesen im Andere-Zeiten-Magazin 3/2015. Dort findet sich ein sehr bemerkenswertes Interview mit diesem Wissenschaftler, aus dem ich etwas zitieren möchte:

„Wir sind Ressourcensammler geworden. Wir gleichen einem Künstler, der immer nur bessere Leinwände, bessere Farben, bessere Staffeleien anschafft, aber nie anfängt zu malen. Wieso tun wir das? Wir sind besessen von Zwischenzwecken – wir wollen erst mal eine hohe Bildung erreichen, einen großen Freundeskreis aufbauen, viel Geld sammeln, um dann irgendwann mit dem Leben anzufangen. Ich nenne das „Weltreichweitenvergrößerung“: Wir wollen immer mehr Welt in Reichweite haben, das ist uns zum Selbstzweck geworden.(…)
Zum einen glauben wir, dass es uns frei macht, wenn wir immer mehr Möglichkeiten haben. Die Einlösung der Möglichkeiten wird aber zunehmend auf später verschoben. De facto ist es dann zu spät. (…)“

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Paul Tillich und die Vernunft

Ich wollte die Lektüre von Paul Tillichs Systematischer Theologie schon fast aufgeben, weil ich zu wenig kapierte, da stieß ich auf die Ausführungen über die Vernunft und hatte gleiche mehrere Aha-Erlebnisse.

Zunächst mal stellt der Autor in Bezug auf die Rede von der Vernunft fest: „Es gehört zu den größten Schwächen eines großen Teils des theologischen Schrifttums und der religiösen Rede, dass das Wort „Vernunft“ in einer unklaren und vagen Weise verwendet wird, zuweilen in anerkennendem, zumeist aber in geringschätzigem Sinn.“
Daraufhin trifft er die Unterscheidung zwischen dem ontologischen und dem technischen Begriff der Vernunft und macht deutlich dass der letztere eine starke Verkürzung und Einschränkung des ersteren bedeutet.
Im ontologischen Begriff steht die Vernunft für „die Struktur des Geistes, die es ihm ermöglicht, die Wirklichkeit zu ergreifen und umzuformen.“ Dazu gehören auch Emotionen und Haltungen wie z.B. die Liebe zur vollkommenen Form (Aristoteles) oder die Sehnsucht nach dem Ursprung (Plotin); ich würde hier auch die Freude des Mathematikers an Struktur, Schönheit und Eleganz der Mathematik anfügen.
Das entspricht nach Tillich gemäß der klassischen Philosophie dem logos-Begriff und heißt, dass die Vernunft „erkennend und anschauend, theoretisch und praktisch, distanziert und leidenschaftlich, …“ ist. – Für mich ist das ein überraschend weiter und umfassender Vernunft-Begriff – aber ganz und gar nicht unvernünftig 😉

Demgegenüber ist der technische Begriff der Vernunft auf die kognitive Funktion des Geistes beschränkt, stellt also nur einen Teilbereich der ontologischen Vernunft dar. So wird die Vernunft „auf die Fähigkeit des Berechnens und Argumentierens beschränkt.“ – Eine gefährliche Verkürzung, denn mit diesem technischen Begriff ist die Vernunft nur ein Werkzeug, um vorgegebene (und nicht von der Vernunft sondern sonstwoher stammende) Ziele mit geeigneten Mitteln zu erreichen. Der klassische logos hingegen ist sowohl für das  Ziel als auch für die Mittel verantwortlich.

Ich finde diese Unterscheidung super und freue mich über den weiten ontologischen Begriff der Vernunft, besagt er doch, dass ein „Vernunftmensch“ eben nicht nur ein eiskalter, berechnender Logiker ist 😉 aber wichtiger noch als das erscheint mir die Auswirkung, die dieser Vernunftbegriff auf das Verhältnis Glaube – Vernunft hat.

Eine weitere Aussage über die Vernunft bei Tillich ist zwar nicht neu, aber von mir ist sie bisher kaum bedacht worden; er beruft sich auf die alten Philosophen, wenn er auf die objektive und die subjektive Seite der Vernunft hinweist. In deren Verständnis kann der logos des menschlichen Geistes die Wirklichkeit nur ergreifen und umgestalten, „weil die Wirklichkeit selber den Charakter des logos hat.“ – Die Vernunft ist also nicht nur als Struktur im Geist des Menschen (subjektiv) zu verorten, sondern ebenso als Struktur in der Wirklichkeit (objektiv). Man kann dabei auch von der „geistigen Gegenwart Gottes in allem Wirklichen“ sprechen.
Ich denke dabei z.B. an Physiker, die sich manchmal wundern, dass sie überhaupt mit ihrer Art, die Natur zu befragen, tatsächlich auch Antworten von ihr bekommen; eine in der Wirklichkeit innewohnende Vernunft, die mit der Vernunft des menschlichen Geistes korrespondiert, könnte eine Erklärung dafür sein.
Einerseits, finde ich, macht das Wissen um die objektive Vernunft im Hinblick auf die subjektive Vernunft des Menschen bescheiden. Andererseits gibt es dieser aber eine ungeahnte Bedeutung, wenn man sich vorstellt, dass der Geist des Menschen mit seiner Vernunft irgendwie mit dem göttlichen Geist in der Wirklichkeit zusammenhängt…

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Zum evangelikalen Fundamentalismus…

… so wie ich ihn kenne.
Hier habe ich versucht, drei Einsichten zu beschreiben, die durch verschiedene Anregungen (Gehörtes, Gelesenes) entstanden sind.  Sie gehören zu meiner eigenen Aufarbeitung und sollen nichts Absolutes und Endgültiges darstellen. Ich bin auf dem Weg…

Ein folgenschwerer Fehler ist die Vermischung von Zeichen und Bezeichnetem.
Ein Verkehrszeichen zeigt z.B. an, wo ein Radweg beginnt, aber das Zeichen selbst ist nicht der Radweg. Es hat nicht die Eigenschaften des Radwegs, es weist nur auf ihn hin.
So ist auch die Bibel nicht göttlich, sie hat nicht die Eigenschaften Gottes, sie ist das Zeichen, das über sich selbst auf Gott hinausweist; und das in menschlicher Sprache, durch menschliche Erfahrungen, in einem kulturellen Umfeld usw. Entsprechend muss auch mit der Bibel umgegangen werden: Sie ist eine heilige Schrift, weil das, worauf sie hinweist, heilig ist. Nicht die Schrift wird verehrt, sondern der Gott, den man dadurch erkennt. Die menschlichen Zeugnisse dürfen und müssen begrenzt sein und nicht makellos. Sie dürfen ihre widersprüchlichen Wahrnehmungen und ihre eingeschränkten Kenntnisse enthalten. Ich will hier gar nicht weiter ausführen, zu welch einem problematischen Umgang mit der Bibel es führt, wenn man das nicht anerkennt.

Ein zweites Problem ist der Versuch, Erkanntes und Geglaubtes abzusichern und als Fakten ein für allemal anzuerkennen („Die Fakten des Glaubens“ heißt ein Buch von McDowell, das auf diesem Unterfangen beruht.)
Deshalb ist die „Heilsgewissheit“ ein Zustand, den ein Gläubiger unbedingt braucht. Zweifel werden als Rückfall und als Schwäche gewertet. Wer einmal sozusagen zum Glauben „durchgedrungen“ ist, soll unbedingt festhalten, was er erreicht hat. Das führt zu einem starren, unbeweglichen und letztendlich vielleicht toten Glauben bzw. zu dem Irrglauben, die Wahrheit erkannt und in der Tasche zu haben, um sich in Sicherheit zu wissen (und das ist ein starkes Bedürfnis!)
Im Johannesevangelium wird die Begegnung Marias mit dem Auferstandenen erzählt; mit den Worten „Rühre mich nicht an!“ (20,17) bleibt Jesus aber trotz seiner Erscheinung auf Distanz. Die Unberührbarkeit des auferstandenen Jesus drückt die Unverfügbarkeit Gottes aus. Glaubenserfahrungen sind nicht „Fakten“, auf die man jederzeit zurückgreifen kann. Die rationalen Beweisversuche des leeren Grabes sind kein geeignetes Fundament des Glaubens an die Auferstehung. Nur wenn die prinzipielle Begrenztheit und Vorläufigkeit der Gotteserkenntnis bejaht wird, kann der Glaube Veränderungen zulassen und sich entwickeln.

So führt drittens die Art des Umgangs mit Glauben und Vernunft zu einer sonderbaren Ambivalenz:
Einerseits wird die Vernunft geopfert, denn an einem ein für allemal gelegten Fundament darf nicht gerüttelt werden! Weil die ganze gedankliche Konstruktion auf einem ganz bestimmten Verständnis der Schrift (dazu kann z.B. die „Irrtumslosigkeit“ gehören) beruht, lässt ein kritisches Nachfragen dieses Verständnisses das ganze Kartenhaus zusammenfallen. (Übrigens wird solch ein Hinterfragen als Zweifel an Tatsachen betrachtet und nicht als Zweifel an eigenen Positionen.) Deshalb sollen also in einer bewusst naiven Weise rationale Anfragen als Gefahr erkannt und abgetan werden.
Andererseits ist es dann letztendlich doch die Vernunft, mit der ausgehend von bestimmten fundamentalen Prinzipien, erstaunlich viele Lehr- und Glaubenssätze aufgestellt und logisch abgeleitet werden. Gott erscheint gar nicht mehr so arg geheimnisvoll und fremd, sondern erstaunlich erfassbar und beschreibbar. Wenn das der Fall ist, hat man sich selbst überschätzt, würde ich meinen.

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Coelho, der Kopte und Jesus

In Die Schriften von Accra lässt Paulo Coelho den Kopten sprechen:
„Ich stehe hier, um euch auch von jenen zu erzählen, die niemals besiegt wurden.
Es sind jene, die nie gekämpft haben.
Sie haben erfolgreich Verletzungen, Erniedrigungen, das Gefühl von Hilflosigkeit vermieden und jene bitteren Augenblicke, in denen Krieger an der Existenz Gottes zu zweifeln beginnen.
Auch wenn sie voller Stolz rühmen können: ,Ich habe nie eine Schlacht verloren‘, können sie sich doch andererseits auch nie sagen: ,Ich habe ein Schlacht gewonnen.‘
Doch das ist ihnen gleichgültig. Sie leben in einer Welt, in der sie scheinbar nichts berühren kann. Sie verschließen die Augen vor Ungerechtigkeit und Leid und wiegen sich in Sicherheit, weil sie sich den alltäglichen Herausforderungen jener nicht stellen müssen, die sich über die eigenen Grenzen hinauswagen.“

Für mich klingt das fast wie eine Einladung zu einer urtümlichen, ungezähmten christlichen Haltung, wie sie in den Gleichnissen Jesu zum Ausdruck kommt.
Da ist der Hirte, der für das eine verirrte Schaf den Rest seiner Herde alleine lässt, um es zu suchen und zurückzubringen. Mühsam. Unangemessen. Gewagt.
Da ist der Arbeiter auf dem Feld, der auf einen vergrabenen Schatz im Acker stößt und sofort sein gesamtes Hab und Gut verkauft, um diesen Acker samt Schatz zu erwerben. Riskant. Entschlossen. Hoffnungsvoll.
Da ist der Samariter, der unterwegs seinen Reiseplan komplett umstellt, um einem andersgläubigen Fremden in existentieller Not zu helfen. Spontan. Unkonventionell. Kostspielig.
Da ist der Verwalter eines Reichen, der wegen Veruntreuung vor seiner Entlassung steht und deshalb noch schnell die Schuldscheine der Leute reduziert, die seinem Herrn etwas schulden, in der Hoffnung auf deren Unterstützung nach seinem Crash.
Verzweifelt. Fragwürdig. Unverfroren.

Und war nicht Jesus selbst am Ende in Gethsemane der Verzweifelte, der nicht aufgab, obwohl die Niederlage unweigerlich eintreten würde? Am Kreuz schließlich war er der Hilflose, der Erniedrigte, Verletzte und Besiegte.
Heute glauben wir, dass es der größte Sieg war, den ein Mensch je errungen hat.

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